Seiltechnik & Spaltenbergung

Dein Partner bricht in eine Gletscherspalte ein: Fixpunkt bauen, Flaschenzug mit Seilklemme und die Selbstrettung per Prusik – Schritt für Schritt.

Sportart: Wandern · Level: Profi

## Einleitung Dein Seilpartner bricht durch eine Schneebrücke und verschwindet in einer Gletscherspalte – was jetzt? Die ehrliche Antwort: Du hast Minuten, keine Stunden. Die Begehung von Gletschern mit verdeckten Spalten gehört zu den faszinierendsten, aber auch objektiv gefährlichsten Disziplinen des Alpinismus. Eisige Kälte im Spaltinneren, mögliche Sturzverletzungen und drohendes Hängetrauma (Kreislaufversagen durch reglos hängendes Körpergewicht im Gurt) machen Zeit zum kritischsten Faktor.

Auf Pro-Level reicht es nicht, das Seil nur zu tragen – Kameradenrettung ist Handwerkszeug, das im Ernstfall blind und automatisiert sitzen muss. Genauso wichtig: Du musst nach einem eigenen Spaltensturz auch dich selbst retten können. Dieser Guide der DOMISPORTS Academy vermittelt dir die Seiltechniken, den richtigen Materialeinsatz und die Präventivmaßnahmen, um eine Katastrophe am Gletscher zu verhindern.

## Was du brauchst Für eine schnelle, erfolgreiche Spaltenbergung muss dein Material griffbereit am Klettergurt hängen. Die DAV-Sicherheitsforschung empfiehlt diese Minimalausrüstung für eine einfache Gletschertour: - 1 Eisschraube: für den schnellen Fixpunkt im Blankeis. - 2-3 Reepschnüre (5-6 mm): zum Knüpfen von Prusikknoten – Klemmknoten, die sich unter Last am Seil festziehen und sich entlastet wieder verschieben lassen. - 1-2 Bandschlingen (idealerweise 120 cm): für den Standplatzbau oder T-Anker. - 1 HMS-Verschlusskarabiner: für Halbmastwurfsicherung und Lastenübertragung. - Technische Seilklemme mit Rücklaufsperre (z. B. Petzl Micro Traxion): erleichtert den Flaschenzug massiv.

Schritt für Schritt

### 1. Präventiv an der Spalte verhalten Die beste Spaltenbergung ist die, die nie stattfindet. Erkannte, schneebedeckte Spalten umgehst du im Gelände großräumig, wo immer möglich. Geht das nicht, läuft die Seilschaft niemals entlang erkennbarer oder vermuteter Spalten – stattdessen kreuzt ihr die Spaltenzone exakt im rechten Winkel, damit nicht die ganze Seilschaft gleichzeitig einbricht. Müsst ihr eine Schneebrücke überqueren, bringt das Seil vorher auf Spannung und prüft die Festigkeit mit der Pickelspitze. Achte auf das Verhältnis von Schneemächtigkeit zur überspannten Länge, die Schneedichte und die Spaltentiefe.

### 2. Sturz halten und Last übertragen Bricht die Brücke und dein Partner fällt, wirfst du dich sofort mit dem Eispickel in den Firn (Pickelbremsung), um den Sturz zu blockieren. Liegst du stabil, beginnt die Lastübertragung: Du baust einen sicheren Fixpunkt, ohne selbst vom Zug des gestürzten Partners mitgerissen zu werden. Im harten Firn gräbst du meist einen T-Anker (den Eispickel waagerecht vergraben), im Blankeis setzt du eine Eisschraube. Mit einer Reepschnur (Prusikknoten) überträgst du die Last vom gespannten Seil langsam von deinem Gurt auf den gebauten Fixpunkt.

### 3. Kameradenrettung mit dem Flaschenzug Sobald die Last sicher am T-Anker oder der Eisschraube hängt, bindest du dich aus dem Seil aus, gehst gesichert zur Spaltenkante und prüfst den Zustand deines Partners. Für die Bergung selbst hat sich die Lose Rolle bewährt: Lass das freie Seilende zum Partner in die Spalte runter. Er klinkt es mit einem Karabiner an seinem Gurt ein. Oben am Fixpunkt baust du mit deiner Seilklemme (z. B. Micro Traxion) eine Rücklaufsperre ein. Ziehst du jetzt am Seilende, halbiert der physikalische Flaschenzug-Effekt das Gewicht deines Partners. Die Seilklemme verhindert, dass das Seil beim Umgreifen oder in einer Pause zurückrutscht.

### 4. Selbstrettung durchführen Ist dein Partner oben verletzt oder hält den Sturz zwar, kann aber keinen Flaschenzug aufbauen, musst du dich nach einem eigenen Spaltensturz selbst retten können. Dafür nutzt du deine Reepschnüre: Knüpfe zwei Prusikknoten in das straff gespannte Seil über dir. Den oberen Prusik verbindest du mit einer langen Bandschlinge, in die du mit dem Fuß steigst. Den unteren Prusik hängst du mit Karabiner direkt in die Anseilschlaufe deines Gurts. Streck das Bein, um dich hochzudrücken, belaste den Gurt-Prusik, schieb den Fuß-Prusik weiter nach oben, und wiederhole das (die "Raupentechnik"), bis du die Spaltenlippe erreichst.

## Häufige Fehler - Schlappseil an Schneebrücken. Hältst du das Seil beim Überqueren nicht auf Spannung, baut der Stürzende enorme Fallenergie auf, die den Partner oben unweigerlich mitreißt. - Ausrüstung im Rucksack. Wer Seilklemme und Reepschnüre im Rucksack statt griffbereit am Gurt trägt, hat bei einem Spaltensturz keine Chance auf Flaschenzug oder Selbstrettung. - Falsche Laufrichtung. Parallel zu einer vermuteten Spalte zu gehen, ist ein fataler Taktikfehler. Bricht das Eis, fällt im schlimmsten Fall die ganze Seilschaft gleichzeitig durch die Brücke.

## Sicherheitshinweise Schneebrücken einzuschätzen ist extrem schwierig und hängt stark von Tageszeit und Sonneneinstrahlung ab. Die wichtigste Regel: Beim geringsten Zweifel lieber einen Fixpunkt setzen (Eisschraube, Steckpickel, T-Anker) und die erste Person der Seilschaft aktiv über die Spalte sichern. Viele scheuen diesen Aufwand – dabei kostet das Setzen eines Fixpunktes in der Realität nur wenig Zeit, verglichen mit einer dramatischen, extrem kräftezehrenden Spaltenrettung.

## Pro-Tipp Ersetze den klassischen Prusikknoten als Rücklaufsperre am Standplatz zwingend durch eine mechanische Seilklemme wie die Petzl Micro Traxion. Ein nasser, gefrorener Prusik klemmt oft schlecht und lässt sich unter Last kaum verschieben. Die Rolle in der Micro Traxion hat ein Kugellager, das die Reibung eliminiert – und senkt den Kraftaufwand beim Hochziehen deines Partners um bis zu 40 Prozent.

FAQ

### Wie viel Zeit habe ich nach einem Spaltensturz? Genau lässt sich das nicht sagen – Kälte, Sturzverletzungen und Hängetrauma (Kreislaufversagen durch reglos hängendes Körpergewicht) machen aber jede Minute kritisch. Deshalb muss die Kameradenrettung blind sitzen: Erst der Fixpunkt, dann Lastübertragung, dann Flaschenzug oder Selbstrettung – ohne langes Überlegen.

### Was ist ein T-Anker beim Gletscherbergen? Ein T-Anker ist ein Fixpunkt im harten Firn: Du gräbst deinen Eispickel waagerecht ein und schaffst so einen stabilen Ankerpunkt für die Lastübertragung. Im Blankeis nutzt du stattdessen eine Eisschraube. Beide Techniken übertragen das Gewicht des gestürzten Partners sicher vom Seil auf den Untergrund.

### Wozu dient eine technische Seilklemme wie die Micro Traxion? Sie funktioniert als Rücklaufsperre im Flaschenzug: Sie lässt das Seil nur in eine Richtung laufen, damit es beim Ziehen oder Umgreifen nicht zurückrutscht. Anders als ein nasser, gefrorener Prusikknoten blockiert sie zuverlässig auch unter Last und senkt den Kraftaufwand beim Hochziehen um bis zu 40 Prozent.

### Wie überquere ich eine Schneebrücke sicher? Bring das Seil vorher auf Spannung und prüfe die Festigkeit mit der Pickelspitze. Kreuze die Spaltenzone immer im rechten Winkel, niemals parallel dazu. Bei geringstem Zweifel setzt du vorsorglich einen Fixpunkt (Eisschraube, Steckpickel oder T-Anker) und sicherst die erste Person aktiv über die Spalte.

Schritt für Schritt

  1. Schritt 1: Taktik und Prävention an der Spalte: Gefahrenstellen im rechten Winkel anlaufen und das Seil vor der Schneebrücke zwingend auf Spannung bringen.
  2. Schritt 2: Sturz halten und Fixpunkt bauen: Den Sturz kompromisslos blockieren und die Last mittels Prusikknoten auf einen T-Anker oder eine Eisschraube übertragen.
  3. Schritt 3: Kameradenrettung (Flaschenzug): Das Verunglückte Seilschaftsmitglied mithilfe der losen Rolle und einer Seilklemme effizient nach oben ziehen.
  4. Schritt 4: Die Selbstrettung (Prusiken): Sich mittels Reepschnüren eigenständig am belasteten Seil aus der Spalte befreien.

Key Takeaways

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