ABCDE-Schema, Notrufnummern und das Yes-Zeichen für den Hubschrauber – so handelst du strukturiert, wenn am Berg jede Sekunde zählt und Panik droht.
## Einleitung Was tust du in den ersten 60 Sekunden, wenn ein Begleiter am Berg stürzt und sich schwer verletzt? Die ehrliche Antwort: Genau das entscheidet oft über Leben und Tod – und die meisten Wanderer wissen es nicht, nicht aus Unwissen über Erste Hilfe, sondern weil ihnen die Struktur fehlt.
Bergsteigen und Wandern sind fantastische Ausdauersportarten, bleiben aber Risikosportarten. Egal ob blutiger Anfänger oder routinierter Alpinist – jeder kann plötzlich mit einem medizinischen Notfall konfrontiert werden. Wenn ein Begleiter stürzt, sich schwer verletzt oder das Gelände durch einen Wettersturz unpassierbar wird, zählt jede Sekunde. Wertvolle Zeit verstreicht oft, weil Wanderer in Panik geraten, die richtige Notrufnummer nicht parat haben oder die Struktur einer professionellen Rettungskette nicht kennen.
In diesem Guide der DOMISPORTS Academy lernst du das essenzielle Notfallmanagement am Berg: vom strukturierten Absetzen eines Notrufs über die lebensrettende Erste Hilfe mit dem ABCDE-Schema bis zur Kommunikation mit dem Rettungshubschrauber.
## Was du brauchst Die professionelle Bewältigung eines Notfalls beginnt beim Packen deines Rucksacks. Zur absoluten Pflichtausstattung, die niemals aus Gewichtsgründen zu Hause bleiben darf, gehören: - Erste-Hilfe-Paket: Vollständig ausgestattet inkl. Verbandszeug. - Biwaksack & Alu-Rettungsdecke: Die wichtigste Barriere gegen lebensgefährliche Unterkühlung. - Kommunikation: Ein voll geladenes Mobiltelefon, idealerweise ergänzt durch eine Powerbank. - Signalisierung: Eine kleine Trillerpfeife und idealerweise eine leuchtende Warnweste, um auf sich aufmerksam zu machen.
### 1. Unfallstelle absichern und Leader bestimmen Der erste Schritt nach einem Unfall ist immer der Eigenschutz und die Vermeidung von weiteren Schäden. Bestimme sofort einen "Leader" (eine Führungsperson) in der Gruppe, der den Überblick behält und konkrete Aufgaben an die anderen Mitglieder verteilt. Niemand sollte unkontrolliert umherlaufen; alle Gruppenmitglieder ohne feste Aufgabe halten sich zur Verfügung. Der Verletzte darf nach Möglichkeit nicht alleingelassen werden.
### 2. Erste Hilfe nach dem ABCDE-Schema Die professionelle Erste Hilfe im alpinen Raum orientiert sich am standardisierten "ABCDE"-Protokoll: - A (Airway): Atemwege kontrollieren und freihalten. - B (Breathing): Atmung prüfen und falls nötig beatmen. - C (Circulation): Kritische Blutungen stoppen. In dieser Phase ist der Wärmeerhalt extrem wichtig, da verletzte Patienten selbst im Hochsommer binnen Minuten lebensgefährlich auskühlen können. - D (Disability): Den neurologischen Status (Bewusstsein) überprüfen. - E (Environment): Den Patienten zwingend mit einem Biwaksack oder einer Rettungsdecke vor der Witterung (Wind, Nässe, Bodenkälte) schützen.
### 3. Den Notruf absetzen Sobald der Patient erstversorgt ist, muss der Notruf gewählt werden. Präge dir die wichtigsten Nummern ein: Die 112 ist der allgemeine Europäische Notruf, die 140 ist der spezifische Alpinnotruf (Bergrettung) in Österreich. Bleibe am Telefon ruhig und beantworte die Fragen der Leitstelle. Wichtig sind folgende Informationen: Was ist passiert? Ist der Zustand zeitkritisch (z.B. bewusstlos)? Wie viele Verletzte gibt es? Wo genau befindet ihr euch (GPS-Koordinaten, Höhe, Name des Berges oder der Route)?. Lege danach nicht einfach das Handy weg, sondern halte die Leitung unbedingt für Rückrufe des Einsatzleiters frei und schone den Akku (Handy warmhalten).
### 4. Das Alpine Notsignal und Hubschrauber-Einweisung Wenn ihr den Notruf erfolgreich abgesetzt habt oder auf Verdacht Hilfe benötigt, müsst ihr die Rettungskräfte einweisen. Nutzt alle verfügbaren Mittel, um mit Signalfarben (Warnweste), Rufen oder Pfeifen auf euch aufmerksam zu machen. Nähert sich der Rettungshubschrauber, stellt sich eine Person gut sichtbar auf und formt mit beiden nach oben ausgestreckten Armen ein "Y" (das sogenannte Yes-Zeichen). Dies signalisiert dem Piloten eindeutig: "Ja (Yes), wir brauchen Hilfe!" (Ein Arm nach oben und einer nach unten würde ein "N" für "No" bedeuten).
## Häufige Fehler - Fehler 1: Leitung nach dem Notruf blockieren. Viele rufen nach dem Absetzen des Notrufs sofort Angehörige an. Dadurch ist die Nummer für die Bergrettung bei wichtigen Rückfragen blockiert. - Fehler 2: Auskühlung unterschätzen. Selbst bei 25 Grad im Tal kühlt ein verletzter, unbeweglicher Körper auf dem Berg rasend schnell aus. Den Biwaksack nicht sofort zu nutzen, ist ein lebensgefährlicher Fehler. - Fehler 3: Blindes Loslaufen um Hilfe zu holen. Wenn kein Netz vorhanden ist, sollte ein Abstieg, um Hilfe zu holen, nur nach strenger Abwägung von Wetter, Gelände und Können der verbleibenden Gruppe erfolgen.
## Sicherheitshinweise Bringe dich bei Rettungsaktionen niemals selbst in Lebensgefahr. Eigenschutz geht immer vor Fremdschutz! Achte besonders darauf, im Schockzustand nicht unüberlegt wegloses Gelände oder steile Altschneefelder zu betreten, da hier das Risiko für einen weiteren Absturz extrem hoch ist. Halte dich von Absturzkanten fern, wenn der Hubschrauber im Anflug ist, da der Downwash (Abwind der Rotoren) enorme Kräfte entwickelt.
## Pro-Tipp Was tun, wenn das Handy absolut keinen Empfang anzeigt? Schalte das Mobiltelefon aus und wieder ein – oft wählt sich das Gerät dann in ein anderes, stärkeres Netz ein. Sollte ein Sprachanruf weiterhin scheitern, versuche, einen Notruf per SMS abzusetzen. Eine SMS benötigt im Gegensatz zum Sprachanruf nur einen winzigen Bruchteil an Netzabdeckung und wird oft gesendet, sobald das Handy für den Bruchteil einer Sekunde ein Signal findet. Wer häufig in sehr abgelegenen Gebieten ohne Netzabdeckung wandert, sollte zudem über die Anschaffung eines Satelliten-Notfallgeräts (z.B. Garmin inReach) nachdenken, mit dem man weltweit per Satellit Hilfe rufen kann.
### Welche Nummer wähle ich bei einem Bergunfall? Die 112 ist der europaweite Notruf und funktioniert überall. In Österreich erreichst du mit der 140 direkt die Bergrettung, die auf alpine Einsätze spezialisiert ist. Speichere beide Nummern vorher im Handy, damit du sie im Stress nicht suchen musst.
### Was bedeutet das ABCDE-Schema in der Praxis? A wie Atemwege freihalten, B wie Atmung prüfen, C wie kritische Blutungen stoppen und Wärme erhalten, D wie Bewusstsein checken, E wie den Patienten vor Wind, Nässe und Bodenkälte schützen. Du arbeitest die Buchstaben immer in dieser Reihenfolge ab, weil jeder Schritt lebensbedrohlicher ist als der nächste.
### Was mache ich, wenn mein Handy keinen Empfang zeigt? Schalte es aus und wieder ein – oft wählt es sich dann in ein anderes Netz ein. Klappt kein Sprachanruf, versuch eine Notruf-SMS: Sie braucht nur einen Bruchteil des Signals eines Anrufs. In abgelegenen Gebieten lohnt sich zusätzlich ein Satelliten-Notfallgerät wie ein Garmin inReach.
### Was bedeutet das Yes-Zeichen für den Rettungshubschrauber? Du stellst dich gut sichtbar auf und formst mit beiden Armen nach oben ein Y. Das signalisiert dem Piloten eindeutig "Ja, wir brauchen Hilfe". Ein Arm hoch, einer runter würde dagegen "Nein" bedeuten – die Geste muss also exakt stimmen.
### Darf ich nach dem Notruf sofort Angehörige informieren? Warte damit, bis die Rettung eingetroffen ist. Die Leitstelle braucht die Nummer für Rückfragen frei, und ein blockierter Anschluss kann wertvolle Minuten kosten. Informiere Angehörige erst, wenn die Situation unter Kontrolle ist.